Broer Cross-cultural Management
BCCM - Profis in interkulturellem Management

Success in Global Business. Von Teilnehmern empfohlen.

Angstfrei gegen Wahnsinn

Bonn, 28.02.2022

"Angst ist ein starkes Gefühl, es liegt in unserer Natur, wir brauchen die Angst, um zu überleben.", beginnt die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja ihr FAZ-Interview, wenige Tage nachdem Putin Truppen zum Angriff in den brüderlichen Nachbarstaat Ukraine beorderte.

Dass russische Strukturen in Gesellschaft und Wirtschaft auf Angst errichtet sind, konnten Teilnehmer des BCCM-Russland-Seminars schon vor einer Dekade erfahren. Dass europäische Investoren in Russland diesen kulturellen Faktor der Business-Kultur vielfach nicht ausreichend beachtet haben, wissen wir nun, da Menschen im Krieg sterben, Zulieferungen aus Russland ausbleiben, Werke in Russland stillstehen, die Güterzüge aus China Duisburg nicht mehr erreichen und neue Flugrouten nach Fernost genommen werden müssen. Endet es schlimm, droht der Totalverlust all dessen, was mühsam und teuer aufgebaut wurde.

Es ist zu hoffen, dass der Spuk des Angriffskriegs umgehend endet. Allein, es fehlen in Russland Strukturen einer Zivilgesellschaft außerhalb des politisch dominierten gesellschaftlichen Lebens. Daher ist nicht absehbar, was passieren wird.

BCCM setzt sein Russlandprogramm auf unbestimmte Zeit aus. Die russische Kultur wird zerbombt, es herrschen Willkür und das Recht des Stärkeren in allen Lebensbereichen. Bis sich wieder allgemein anerkannte (= zivilisierte) Umgangsformen in Gesellschaft und im Geschäftsleben herausbilden, bleibt die Dominanz der ständigen Angst. Von Kultur kann man hier nicht mehr sprechen.

Auslandsinvestitionen blenden das Risiko eines Totalverlustes zu häufig aus. Kein Wunder, denn die Global Player der Strategieberatung verdienen gut daran, risikoreiche Investitionsvorhaben rosig darzustellen. Auch sie arbeiten mit der Angst, nämlich dem Einreden, man könnte einen glücklichen Einstiegszeitpunkt verpassen. Dabei sollten Investitionen auch dann sinnvoll erscheinen, wenn sie zu einem denkbar schlechten Augenblick vorgenommen werden. Denn niemand, nicht einmal der bestbezahlte Strategieberater, kann die Zukunft vorhersagen, so überzeugend sie ihr Kaffeesatzlesen auch als objektiv und gewiss verkaufen. Angst ist ein schlechter Berater bei rationalen Entscheidungen über Auslandsinvestitionen.

Das Agieren internationaler Beraterfirmen folgt einem Muster. Oft blenden die angestellten diplomierten Betriebswirte und professionellen Verkäufer aus, dass in vielen Gesellschaften der Welt neben finanziellen Vorteilen andere Faktoren das wirtschaftliche Überleben sichern. Bei Investitionen in solchen Gesellschaften sollten sich Investoren regelmäßig fragen, ob sie einen Totalverlust verkraften und wie schnell sie Alternativen aufbauen können. Diese cultural due dilligence- Prüfung benötigt Spezialwissen über die Geschäftskultur, das nicht leicht zu finden ist, weil Controller sich schwertun, nur qualitativ bestimmbare Größen in Renditeberechnungen zu berücksichtigen und Investoren sich einbilden, alle Risiken könnten in Zahlen und Faktoren abgebildet werden. Die Frage, was der Verkäufer nach dem Verkauf seiner Firma an einen ausländischen Investor mit dem plötzlichen Reichtum wohl anzufangen gedenkt, wird in einer feasability study einer Auslandsinvestition nicht beantwortet. So wundern sich ‚gut beratene‘ Investoren reihenweise, dass Herr Wang die Erlöse aus dem Firmenverkauf zum Aufbau eines Konkurrenzunternehmens einsetzt. Oder dass Herr Kim als Vertriebschef des härtesten lokalen Konkurrenten anheuert. Dabei sind das logische Vorgehensweisen im Sinne der jeweiligen Business-Kultur.

Business-Kulturen ändern sich. Der Aufstieg Putins kam nicht von heute auf morgen. Aber spätestens als ausländische Freunde sich genötigt sahen, ihn als lupenreinen Demokraten darzustellen, wären Überlegungen über den Umgang mit staatlicher Willkür in Russland angebracht gewesen. Manager schienen zunächst von staatlicher Drangsalierung ausgeschlossen, dann landeten Freidenker unter ihnen hinter Gittern. Man hätte wahrnehmen können, dass in Russland nicht nur Geld zählt, obwohl immer größere Teile Moskaus golden glänzten.

Ökonomen verkennen: Wie sehr sich Mächtige an die Spielregeln des Marktes halten, manifestiert sich nicht zuerst im Spiel der Marktkräfte, sondern sehr viel früher im Umgang mit schwachen Mitgliedern der Gesellschaft. Wenn ein Staat sich wenig um die Schwachen der Gesellschaft kümmert, ist nicht damit zu rechnen, dass er sich an international anerkannte – aber schlecht einklagbare – Regeln halten wird. Dann wird es risikoreich, sich darauf zu verlassen, schon nicht so hart zum Aderlass gebeten zu werden.

Es lohnt, sich eingehend mit interkulturellem Management zu jedem wichtigen Auslandsmarkt zu befassen. Interkulturelles Management jedoch auf einen Auslandsknigge zu reduzieren, ist grundverkehrt. Es geht nicht um Manieren, sondern um das Verwirklichen eigener Vorstellungen in einem etwas anderen Handlungsumfeld. Es geht bei interkulturellem Management um kaufmännische Sicherheit und, wie sie in einer ausländische Gesellschaft erreicht wird. Und natürlich profitiert man von der Kenntnis zentraler Stellschrauben zum Steuern unternehmerischer Projekte im ausländischen Umfeld auch im Sinne der Renditeoptimierung.

Gesellschaften, in denen Angst herrscht, lassen Manager sehr zurückhaltend mit schlechten Nachrichten umgehen. Manager in diesen Gesellschaften brauchen zum Überleben ein feines Gespür für faktische Machtverhältnisse. Und sie müssen wissen, was auf dem Spiel steht. Wie Manager an typische Aufgabenstellungen des Managements herangehen, lässt sich anhand konkreter business cases recht genau beschreiben. Dass sie dies nicht immer nur nach rein kurzfristigen Geldgesichtspunkten tun, sondern in anderen Ländern auch andere Faktoren zum Geschäftserfolg gehören, ist eine Binsenweisheit, die jedoch noch stärker beachtet werden könnte.

Zur Freiheit von Angst gehören viel Wissen und Vertrauen ins eigene Können. Auch das regelmäßige Austarieren des unternehmerischen Risikos gehört dazu. Es ist zwar schön, dass deutsche Firmen hohe Anteile ihrer Überschüsse in China erwirtschaften, austariert ist das aber nicht. Die Abhängigkeit von unberechenbaren Märken sollte nicht dazu führen, unternehmerische Entscheidungen aus Angst vor Einbußen zu treffen.

Die Rahmenbedingungen eines Auslandsmarktes und die Handlungsmuster der Marktteilnehmer bis ins Detail zu verstehen, sind eine gute Basis für unternehmerische Entscheidungen mit Augenmaß und ohne Angst.

Ob sie keine Befürchtungen habe, sich frei kritisch zu äußern, fragte der Journalist Ljudmila Ulitzkaja zum Schluss. Ihre Antwort: "Ich habe keine Angst, halte aber nichts für ausgeschlossen." Das klingt wie eine erfolgversprechende unternehmerische Haltung.

BCCM beklagt die irrsinnigen Opfer der Kampfhandlungen und hofft auf ein schnelles Ende des Krieges.

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